Long Covid und ME/CFS – wo liegen Gemeinsamkeiten?
Seit der COVID-19-Pandemie berichten viele Menschen über anhaltende Beschwerden nach einer Infektion. Häufig wird in diesem Zusammenhang von Long Covid gesprochen.
Ein beachtlicher Teil dieser Betroffenen entwickelt Symptome, die in vieler Hinsicht dem Krankheitsbild von ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis) entsprechen.
Für die Behandlung stellt sich daher die entscheidende Frage: Handelt es sich um zwei unterschiedliche Krankheiten – oder um varying Ausprägungen desselben biologischen Geschehens?
Was ist Long Covid?
Long Covid (Post-COVID-19-Zustand) beschreibt anhaltende Beschwerden, die Wochen oder Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion bestehen bleiben.
Typische Symptome können sein:
- Fatigue (Erschöpfung)
- Konzentrationsprobleme („Brain Fog“)
- Atemnot und Thoraxschmerzen
- Kreislaufprobleme (Dysautonomie)
- Geruchs- und Geschmacksstörungen
Die Ausprägung ist sehr unterschiedlich und betrifft oft mehrere Organsysteme gleichzeitig.
Was ist ME/CFS?
ME/CFS ist eine schwerwiegende, komplexe neuroimmunologische Erkrankung.
Im Mittelpunkt steht nicht einfache Müdigkeit, sondern eine Belastungsintoleranz (Post-Exertional Malaise – PEM).
Definitionskriterien sind unter anderem:
- Deutliche, oft verzögerte Verschlechterung nach minimalem Aufwand (körperlich oder geistig).
- Nicht erholsamer Schlaf.
- Kognitive Störungen und orthostatische Intoleranz (Kreislaufprobleme im Stehen).
Gemeinsamkeiten: Ein Blick auf die Biologie
Aus Sicht der Funktionalen Medizin zeigen sich beeindruckende Überschneidungen in den biologischen Mustern. Beide Zustände scheinen auf ähnlichen Pathomechanismen zu beruhen:
- Mitochondriale Dysfunktion In beiden Gruppen zeigt sich oft eine Störung der Energieproduktion. Die „Kraftwerke“ der Zellen arbeiten ineffizient, was die tiefe Erschöpfung erklärt.
- Neuroinflammation und „Brain Fog“ Entzündungsprozesse im Nervensystem führen zu kognitiven Einbußen. Die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke könnte hier eine Rolle spielen.
- Dysautonomie (Vegetative Störung) Das autonome Nervensystem ist aus dem Takt. Typisch sind Herzrasen (POTS), Kreislaufschwankungen und Schlafstörungen.
- Immunologische Dysbalance Sowohl nach COVID-19 als auch bei ME/CFS finden sich Hinweise auf eine anhaltende Immunitätsaktivierung oder Autoimmunphänomene.
Der entscheidende Unterschied: Die PEM
Die wichtigste Trennlinie für Diagnostik und Therapie ist die Post-Exertional Malaise (PEM).
- Long Covid ohne PEM: Viele Patienten erholen sich langsam, können aber durch leichte Belastung oft eine Verbesserung spüren („Use it or lose it“ Prinzip kann gelten).
- ME/CFS (und Long Covid mit ME/CFS-Phänotyp): Hier führt Belastung zu einer echten Verschlechterung. Der Körper kann den Reiz nicht adäquat verarbeiten.
Wichtig: Schätzungen gehen davon aus, dass ca. die Hälfte der Long-Covid-Patienten die Kriterien für ME/CFS erfüllt. Diese Patienten dürfen nicht wie „normale“ Reha-Patienten behandelt werden.
Warum die Unterscheidung für die Behandlung essenziell ist
Die falsche Einordnung kann gravierende Folgen haben.
- Das Risiko: Ein klassisches „Aktivierungs-Training“ kann bei Vorliegen einer PEM zu einer dauerhaften Verschlechterung führen.
- Der Bedarf: ME/CFS-Patienten benötigen ein vorsichtiges Energiesparen (Pacing), während Long Covid-Patienten ohne PEM oft von einem dosierten Aufbautraining profitieren.
Mein Ansatz in der Praxis
Als Funktionaler Mediziner betrachte ich Long Covid und ME/CFS nicht als starre Diagnosen, sondern als Spektrum postinfektiöser Dysregulation.
Mein Vorgehen ist analytisch und strategisch:
- Differenzierung durch Testung: Ich nutze funktionelle Diagnostik (z.B. Mitochondrien-Profile, Entzündungsmarker, orthostatische Tests), um zu klären, ob eine echte PEM vorliegt.
- Identifikation der Treiber: Wir suchen nach den Ursachen, die den Zustand aufrechterhalten:
- Versteckte Entzündungsherde (Silent Inflammation)?
- Virale Persistenz oder Reaktivierung (z.B. Epstein-Barr)?
- Schwache Darmbarriere (Leaky Gut)?
- Mikronährstoffdefizite?
- Individuelle Strategie:
- Bei ME/CFS-Symptomatik steht Schutz und Regulation im Vordergrund (Pacing, Nervensystem-Beruhigung).
- Bei Long Covid ohne PEM liegt der Fokus auf gezieltem Aufbau und Stoffwechsel-Optimierung.
Ich verbinde osteopathische Maßnahmen zur Regulation des Nervensystems mit funktionell-medizinischen Konzepten, um dem Körper die Ressourcen zurückzugeben, die er zur Genesung braucht – ohne ihn zu überfordern.
