ME/CFS und „Silent Inflammation“ – was bedeutet das?
Viele Menschen mit ME/CFS haben das Gefühl, dass im Körper „etwas nicht stimmt“ – auch wenn klassische Entzündungswerte oft unauffällig sind.
In diesem Zusammenhang fällt zunehmend der Begriff „Silent Inflammation“ – also eine stille, niedriggradige Entzündungsaktivität.
Doch was bedeutet das konkret?
Was ist mit „Silent Inflammation“ gemeint?
Der Begriff beschreibt subtile, anhaltende Entzündungsprozesse, die nicht unbedingt in den üblichen Routinelaborwerten sichtbar sind.
Es geht dabei nicht um eine akute Entzündung wie bei einer Infektion (mit Fieber oder Eiter), sondern eher um eine dauerhafte, unterschwellige Aktivierung des Immunsystems („Smoldering Fire“).
Diese kann verschiedene Systeme betreffen, zum Beispiel:
- das Immunsystem
- den Stoffwechsel
- das Nervensystem (Neuroinflammation)
Welche Rolle könnte das bei ME/CFS spielen?
Bei ME/CFS wird in der Forschung intensiv diskutiert, ob solche niedriggradigen Entzündungsprozesse eine zentrale Rolle spielen.
Mögliche Zusammenhänge:
- veränderte Immunreaktionen nach Infekten (die „Wunde, die nicht heilt“)
- gestörte Signalverarbeitung im Körper
- anhaltende Aktivierung bestimmter Botenstoffe (Zytokine)
Wichtig ist: Diese Prozesse sind komplex und individuell unterschiedlich. Nicht jeder Betroffene zeigt die gleichen Muster.
Warum klassische Entzündungswerte oft unauffällig sind
Viele Patienten wundern sich:
„Meine Blutwerte sind doch in Ordnung.“
Das kann durchaus sein.
Denn:
- klassische Marker (z. B. CRP oder Leukozyten) zeigen eher akute, heftige Entzündungen an.
- feine Regulationsstörungen oder chronische Niedrigst-Entzündungen werden dadurch oft nicht erfasst.
Das bedeutet nicht, dass „nichts ist“ – sondern dass man nach anderen Parametern suchen muss (z.B. hochsensitives CRP, IL-6).
Zusammenhang mit Nervensystem und Energie
Niedriggradige Entzündungsprozesse können verschiedene Bereiche beeinflussen:
- Nervensystem → erhöhte Reizempfindlichkeit und „Brain Fog“ (Neuroinflammation)
- Energiehaushalt → reduzierte Belastbarkeit, da Energie für die Immunabwehr „verbraucht“ wird
- Regulation → erschwerte Erholung und Schlafstörungen
Diese Wechselwirkungen sind Schlüssel zum Verständnis der Belastungsintoleranz.
Welche Rolle spielt der Darm dabei?
Der Darm ist eng mit dem Immunsystem verbunden.
Wenn hier ein Ungleichgewicht besteht (z.B. eine gestörte Barrierefunktion), können bakterielle Bestandteile in den Blutkreislauf gelangen und das Immunsystem dauerhaft stimulieren.
Man spricht in diesem Zusammenhang oft von:
- Darm-Hirn-Achse
- Mikrobiom-Dysbiose
- metabolischer Endotoxämie
Auch hier gilt: Nicht als alleinige Ursache – sondern als möglicher Treiber eines größeren Systems.
Was bedeutet das für die Praxis?
Der Begriff „Silent Inflammation“ sollte nicht isoliert betrachtet werden.
Wichtiger ist:
- Zusammenhänge verstehen
- Trigger identifizieren
- nicht vorschnell vereinfachen
Ein sinnvoller Ansatz berücksichtigt mehrere Ebenen gleichzeitig.
Mein Ansatz in der Praxis
Als Funktionaler Mediziner verstehe ich „Silent Inflammation“ als Warnsignal, dass das Immunsystem dauerhaft im Einsatz ist – Energie, die dann für den Alltag fehlt.
Mein Ziel ist es, die Quellen der Entzündung zu identifizieren und zu dämpfen, statt nur Symptome zu unterdrücken.
Dafür gehe ich strukturiert vor:
- Funktionelle Diagnostik: Ich nutze spezifische Marker (z.B. hochsensitives CRP, Zytokin-Muster, Darmmarker), um auch die „leisen“ Prozesse messbar zu machen.
- Ursachen finden: Wir prüfen, ob Trigger wie eine gestörte Darmbarriere („Leaky Gut“), versteckte Infektionen oder Stoffwechselprobleme vorliegen.
- Modulation: Durch einen gezielten, individuellen Plan (Ernährung, Mikronährstoffe, Lifestyle) unterstützen wir den Körper dabei, die Entzündungsaktivität zu senken und wieder Energie freizusetzen.
Ein wichtiger Gedanke zum Schluss
„Silent Inflammation“ ist kein festes Krankheitsbild, sondern ein Erklärungsansatz für komplexe Prozesse.
Er kann helfen, bestimmte Zusammenhänge besser zu verstehen – ersetzt aber nicht die individuelle Betrachtung.
